Dornen, Dreck, Drainagen

Rainer Loer zeigt, in welche Richtung der Sussieksbach fließt. Foto: Thomas Dohna
Reiner Loer zeigt, in welche Richtung der Sussieksbach fließt. Foto: Thomas Dohna

Wie es dem Sussieksbach geht

Leopoldshöhe (ted). Reiner Loer streckt den Arm aus und deutet auf den Menkhauser Berg. „Da oben irgendwo entspringt der Sussieksbach“, sagt er. Da sehe man aber nichts. Loer führt eine Gruppe aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung und Interessierten. Anlass ist eine Gewässerschau.

Gewässerschauen sind in Paragraph 95 des NRW-Landeswassergesetzes vorgeschrieben. Die Unteren Wasserbehörden müssen sie durchführen, wie oft, bleibt offen. Die Gewässerschauen werden öffentlich bekannt gemacht. „Dann dürfen wir auch über Privatgrundstücke gehen“, sagt Anja Leimkühler. Sie repräsentiert bei dieser Gewässerschau die Untere Wasserbehörde des Kreises Lippe.

Mit dabei ist ein Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde und Jörg Langmann, Mitarbeiter des Umweltbetriebes der Stadt Bielefeld. Der Sussieksbach ist Grenzgewässer zwischen Lippe und der Stadt Bielefeld. Das wird des Öfteren deutlich.

Die Gruppe sucht vom Buswendeplatz an der Lämershagener Straße aus einen Weg zum Bach. Bei der Gewässerschau muss der gesamte Bach von der Quelle bis zur Mündung in ein größeres Gewässer abgegangen werden.

Dornen reißen an den Hosenbeinen. Dichtes Brombeergestrüpp bedeckt den Boden. Der ist von den Regenfällen der vergangenen Tage aufgeweicht und rutschig. Es geht entlang eines teilweise morschen Zaunes, unter einem elektrischen Weidezaun durch hinunter auf eine Weide. „Da oben irgendwo entspringt der Sussieksbach“, sagt Reiner Loer. Er ist der Vertreter der Gemeinde Leopoldshöhe. Der gesamte Hang ist dicht mit Unterholz und Brombeersträuchern bewachsen.

Rainer Loer und Jörg Langmann kämpfen sich durch Unterholz und Dornengestrüpp. Foto: Thomas Dohna
Rainer Loer und Jörg Langmann kämpfen sich durch Unterholz und Dornengestrüpp. Foto: Thomas Dohna

Ein paar Meter weiter tritt direkt am Rand der Weide Wasser an die Oberfläche. Ein Teil scheint aus dem Boden zu quellen, ein anderer Teil aus dem Unterholz zu sickern. Schnell versammelt es sich zum sichtbaren Teil des Sussieksbachs. Der läuft entlang der Wiese und endet vorläufig in einem künstlichen Teich.  

Auf dieser Wiese tritt der Sussieksbach das erste Mal sichtbar an die Oberfläche. Foto: Thomas Dohna
Auf dieser Wiese tritt der Sussieksbach das erste Mal sichtbar an die Oberfläche. Foto: Thomas Dohna

Bei den Gewässerschauen kontrollieren die Behörden, ob das Gewässer in einem Zustand ist, der den wasser- und naturschutzrechtlichen Bestimmungen entspricht. Eigentlich darf so ein Teich im Bachlauf nicht mehr sein“, Anja Leimkühler. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie schreibt vor, dass Gewässer von der Mündung bis vor die Quelle von Wasserlebewesen durchschwommen werden können. Einbauten sind nicht erlaubt.

Am Oberlauf des Sussieksbachs wird er in diesem Teich aufgestaut. Foto: Thomas Dohna
Am Oberlauf des Sussieksbachs wird er in diesem Teich aufgestaut. Foto: Thomas Dohna

Der Staudamm des Teiches ist ein solcher Einbau. Eigentlich müsste der Eigentümer den Bach um den Teich herumführen. Das gilt auch für die Kommunen. „Wir haben Gewässer, da geht das einfach aus geologischen Gründen nicht“, sagt Jörg Langmann vom Bielefelder Umweltbetrieb. Anja Leimkühler wird wegen des Teiches nichts unternehmen. Einerseits liegt er dicht unterhalb der Quelle, andererseits besteht der Teich schon lange.

Seit vielen Jahren gibt es diesen Teich am Oberlauf des Sussieksbaches. Foto: Thomas Dohna
Seit vielen Jahren gibt es diesen Teich am Oberlauf des Sussieksbaches. Foto: Thomas Dohna

Der Eigentümer kommt hinzu. Er duldet freundlich die Gruppe, spricht mit den Behördenvertretern und wünscht einen guten Tag. Die Gruppe läuft weiter. Der Bach wird vom Besitzer offenbar sich selbst überlassen. Es gibt einen schmalen Uferstreifen, größere und kleinere Äste liegen im Lauf, hier und da staut sich das Wasser hinter querliegendem Holz. Obwohl der Bach damit nicht ganz durchlässig ist, duldet Leimkühler das. Hier treffe Naturschutz auf den Gewässerschutz. Außerdem bildet die Landschaft so etwas wie ein natürliches Regenrückhaltebecken.

Insgesamt ist der Sussieksbach etwa sechs Kilometer lang. Ein paar hundert Meter unterhalb der Wiese macht die Gruppe in Höhe eines Gebäudes Halt. Der Bach ist hier künstlich eingeengt. Bauschutt und anderes Material liegen am Ufer. „Drei Meter Abstand zum Ufer müssen eingehalten werden“, sagt Leimkühler. Der Fall kommt ins Protokoll. Der Eigentümer werde angesprochen oder angeschrieben. Er bekomme eine Frist zur Beseitigung des Missstandes und müsse das dann auch gegenüber der Behörde dokumentieren, sagt Leimkühler.

Der Bach mäandert an der Gräfinghagener Straße durch den Wald. Foto: Thomas Dohna
Der Bach mäandert an der Gräfinghagener Straße durch den Wald. Foto: Thomas Dohna

Nicht lang nach dieser Stelle mäandert der Bach durch einen sehr jungen Wald und fließt in einen viel zu engen Durchlass. Der Durchlass wird protokolliert, die Situation diskutiert. Immerhin biete der Durchlass eine natürliche Drossel, die bei Starkregen das Wasser zurückhalte, argumentieren die Fachleute.

Der Durchlass für den Sussieksbach ist im Zuge des Neubaus der B66 angelegt worden. Hier ist der Bach trocken. Foto: Thomas Dohna
Der Durchlass für den Sussieksbach ist im Zuge des Neubaus der B66 angelegt worden. Hier ist der Bach trocken. Foto: Thomas Dohna

Auf halben Weg zur neuen Trasse der B66 zeigt Jörg Langmann in den Bachlauf. Er ist trocken. „Da können Sie sehen, dass hierunter Karst ist“, sagt er. Das Gestein ist so durchlässig, dass das Wasser des Baches im Gestein versickert. Der Lauf bleibt bis hinter die Trasse der B66 trocken.

Anja Leimkühler macht etwas stutzig. Der Bachlauf scheint tief ausgewaschen zu sein. Sie fragt, wo die Wassermengen herkommen könnten. Von der B66? Aus Einleitungen von Betrieben im angrenzenden Industriegebiet Asemissen? Ein paar Meter weiter wird der Lauf wieder flacher. Wenn Sie zurückschauen, sehen Sie dort einen Buckel“, sagt Reiner Loer. Der Naturschutzbund haben bei der Anlage der Ausgleichsfläche die Idee gehabt, den nördlichen Teil zur Feuchtwiese zu machen. „Das hat so nicht geklappt“, sagt Loer.

Ein Anlieger hat in den Sussieksbach einen Übergang gebaut. Den muss er jetzt entferenen. Foto: Thomas Dohna
Ein Anlieger hat in den Sussieksbach einen Übergang gebaut. Den muss er jetzt entferenen. Foto: Thomas Dohna

Der Bach schwenkt nördlich der Bahntrasse auf Bielefelder Gebiet und ist ab da Grenzgewässer. Etliche Bielefelder Grundstücke liegen am Ufer. Nicht alle Zäune halten den Drei-Meter-Abstand ein. Manche Eigentümer haben den Uferrand eingesät und sorgsam gemäht. „Das ist hübsch, aber nicht ökologisch“, sagt Leimkühler. Kleinlebewesen und Insekten finden dort keinen Lebensraum.

Manche Grundstücke reichen über den Bach. Die Kontrolleure finden zum Teil uralte Brücken. „Die Leute müssen ja irgendwie über den Bach kommen“, sagt Jörg Langmann. Die Bauten werden zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht bemängelt. „Die würde wir wahrscheinlich ohnehin genehmigen müssen“, sagt Langmann. Anders sieht es bei einem Grundstück aus.

Einst war hier ein Bauwerk im oder über den Bach. Die Steine müssen weg. Foto: Thomas Dohna
Einst war hier ein Bauwerk im oder über den Bach. Die Steine müssen weg. Foto: Thomas Dohna

Dort hat der Eigentümer den Bachlauf ausgehoben und einen Damm mit Übergang eingebaut. „Das geht nicht“, sind sich Leimkühler und Langmann einig. Der wird in den kommenden Tagen bei den Eigentümern vorsprechen und die Beseitigung des Bauwerkes verlangen. Bei einem Starkregen oder Hochwasser würde sich das Wasser dahinter aufstauen. Der Damm könnte brechen und das herabstürzende Wasser die unterhalb des Grundstückes liegenden Grundstücke gefährden.

Der Mitarbeiter der Unteren Naturschuzbehörde schaut sich einen Punkt am Ufer des Sussieksbachs genauer an. Foto: Thomas Dohna
Der Mitarbeiter der Unteren Naturschuzbehörde schaut sich einen Punkt am Ufer des Sussieksbachs genauer an. Foto: Thomas Dohna

Eine improvisierte Brücke liegt über dem Bach. Eine Wasserleitung reicht bis in den Bach. Auf dem Grundstück ist ein künstlicher Teich gebaut. Direkt am Bach lagert Material. Das Grundstück liegt auf Bielefelder Gebiet, also geht Jörg Langmann los und spricht die Leute an, die im Garten arbeiten. Er kommt leicht ernüchtert zurück. „Die sind uneinsichtig“, sagt er.

Kurz vor der Straße An der Windwehe steht ein Bauwerk im Sussieksbach, mit dem Wasser in einen Teich abgeleitet wird. Foto: Thomas Dohna
Kurz vor der Straße An der Windwehe steht ein Bauwerk im Sussieksbach, mit dem Wasser in einen Teich abgeleitet wird. Foto: Thomas Dohna

Nutzen Gespräche und schriftliche Aufforderungen nichts, können die Kommunen die Ablagerungen oder Bauwerke auf Kosten des Eigentümers beseitigen. Die Rechtslage sei leider nicht ganz eindeutig, sagt Anja Leimkühler. Erst müsse herausgefunden werden, wem das Grundstück gehöre. Es gebe sogenannte Gewässerparzellen, in denen die Kommunen verantwortlich sind. Dann gebe es oft die Behauptung, dass der Eigentümer das alles ja gar nicht gebaut habe.

Ein historischer Grenzstein steht am Ufer. Foto: Thomas Dohna
Ein historischer Grenzstein steht am Ufer. Foto: Thomas Dohna

Nördlich des Grenzweges läuft der Bach bis zur Straße An der Windwehe an Wiesen und Äckern entlang. Kurz vor der Straße fällt den Kontrolleuren ein Bauwerk auf. Mit dessen Hilfe wird Wasser für einen ehemaligen Mühlteich abgeleitet. „Das ist alles genehmigt“, sagt Leimkühler. Hinter dem Hof Gliez geht es noch einige Meter durch die Windweheaue, bis der Sussieksbach mit Schwung in der Windwehe aufgeht.

Am Hof Glietz fließt der Bach ungehindert durch die Wiesen. Foto: Thomas Dohna
Am Hof Glietz fließt der Bach ungehindert durch die Wiesen. Foto: Thomas Dohna

Anja Leimkühler ist zufrieden: „Der Sussieksbach sieht gut aus.“ Ein paar Dinge gebe es, insgesamt sei der Zustand gut. Sie und ihre Kollege Jens Langmann werden in den nächsten Wochen die Missstände zu beseitigen versuchen. Bis zu einem Jahr könne es dauern, bis so eine Gewässerschau endgültig abgeschlossen ist, sagt Leimkühler.

Der Sussieksbach mündet in die Windwehe. Foto: Thomas Dohna
Der Sussieksbach mündet in die Windwehe. Foto: Thomas Dohna

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