Den Rauch lesen lernen

Ein Trupp wird von einem Ausbilder unterwiesen. Oben strömt der Rauch aus dem Container. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen
Ein Trupp wird von einem Ausbilder unterwiesen. Oben strömt der Rauch aus dem Container. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen

Feuerwehrleute bei der Realbrandausbildung

Leopoldshöhe (ted). Die Flamme wabert wie ein Nordlicht über den Helmen der Feuerwehrleute. Es dauert etliche Sekunden, vielleicht 30, bis sie allmählich im Nichts verschwindet. 24 Feuerwehrleute aus Leopoldshöhe und Bad Salzuflen nahmen in Leopoldshöhe an einer Realbrandausbildung teil.

Die Flammen schießen direkt auf die Gesichter zu. Eben hat einer der Ausbilder eine Tür des Realbrandcontainers aufgerissen. Der Rauch fing an sich zu bewegen und zu heben. Plötzlich rauschen die Flammen innerhalb von Sekundenbruchteilen über die Köpfe hinweg. Die vier Feuerwehrleute ducken sich unwillkürlich weg. „Schaut hin!“, ruft der Ausbilder und zeigt an die Decke des Containers. Die Nordlicht-Flamme steht an der Decke.

Dem Feuer sind die Ehrenamtlichen im Alter zwischen Anfang 20 und Anfang 60 nicht schutzlos ausgeliefert. Ein Anzug, Spezialhandschuhe, eine Flammschutzhaube, die Atemmaske, der Helm und die Stiefel schützen die Körper zu einem gewissen Maß vor der Hitze. Die Luft aus dem Atemluftgerät reicht für 20 bis 30 Minuten. Sie alle sind Atemschutzgeräteträger (AGT). Wer das bei der Feuerwehr sein will, muss fit, gesund und einigermaßen sportlich sein.

Das Feuer lodert hell am Ende des innen rußgeschwärzten Containers. Der Rauch zieht in dicken Schwaden an der Decke entlang ins Freie. Unten am Boden ist gute Sicht. Wer genau hinschaut, sieht, dass dort ein Luftzug in Richtung Feuer strömt. Er zieht feinen Staub mit. Wenn es so sei, könne man getrost zur Menschensuche vorgehen oder zum Feuer vorrücken und löschen, sagt der Ausbilder.

Keine Ausbildung ohne Theorie und Sicherheitseinweisung. Alle Teilnehmer müssen schriftlich versichern, dass sie gesund und tauglich sind, keine Drogen und keinen Alkohol zu sich genommen haben. Sie frischen ihr Wissen aus der Grundausbildung auf, dass brennbare Gegenstände erst ausgasen und dass diese Gase den eigentlichen Brand ausmachen, dass sich Gegenstände im Raum auch ohne direkte Berührung mit dem Feuer entzünden können, durch einen sogenannten Flashover. Sie erfahren, warum gelber, brauner und schwarzer Rauch wegen der darin enthaltenen unverbrannten Gase für sie gefährlicher ist als grauer, der nur Kohlenmonoxyd enthält, und dass explodierender Rauch ein Haus sprengen kann.

Der Container ist auf einem Sattelzug aufgebaut. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen
Der Container ist auf einem Sattelzug aufgebaut. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen

Der Ausbilder lässt die Tür des Containers schließen. Langsam füllt Rauch den Raum. Er senkt sich allmählich herab, erreicht die Köpfe der auf dem Boden kauernden Feuerwehrleute. „Guckt euch den Rauch an“, sagt er, „welche Farbe hat er?“ Der Rauch bewegt sich sachte vor den Visieren der Masken. Die unterste Schicht wirkt wie fluffige Fäden, die im Raum schweben. „Gelb,“ sagt einer. Durch die Maske klingt seine Stimme entfernt und näselnd.

Nicht das Feuer, der Rauch ist das Gefährliche, haben die Ausbilder den Frauen und Männern eingeschärft. Zwei bis drei Atemzüge reichen, um eine Rauchgasvergiftung zu erleiden und bewusstlos zu werden. Aber den Einsatzkräften drohen noch zwei andere, größere Gefahren.

Der Ausbilder lässt die Tür wieder öffnen. Der Rauch beginnt sich zu bewegen. „Wenn ihr das bemerkt, ist etwas geschehen und es wird gefährlich“, ruft er durch den Lärm des Feuers. Dann sei ein vorher geschlossenes Fenster oder eine Tür geöffnet und durch das Feuer zerstört worden und es dauere dann nur noch wenige Sekunden, bis der Rauch sich entzünde.

Hell lodern die Flammen in der Brennkammer des Containers. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen
Hell lodern die Flammen in der Brennkammer des Containers. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen

Zur Entstehung eines Feuers braucht es Brennmaterial, Sauerstoff und die richtige Temperatur. Fehlt eines, gibt es kein Feuer. Bei einem Brand in einem geschlossenen Raum sinkt der Sauerstoffgehalt mit der Zeit. Das Feuer wird kleiner bis hinunter zu einem Schwelbrand. Der Rauch besteht dann aus vielen unverbrannten Gasen.

Die frische Luft strömt zum Feuer. Nach einigen Sekunden schießen die Flammen auf die Trupps zu. Rollover, nennen das die Fachleute. Die Flammen rollen über die Einsatzkräfte hinweg. Gefährlicher ist der Backdraft, die Rauchgasexplosion. Dann rast eine raumfüllende Feuerwand auf die Einsatzkräfte zu, die sie im schlimmsten Fall erst dann sehen, wenn sie bei ihnen ankommt.

Ist der Rauch etwa 200 Grad Celsius heiß, besteht die Gefahr, dass er sich entzündet, haben die Männer und Frauen gelernt. „Um die Temperatur zu prüfen, nutzt ihr die Wärmebildkamera“, sagt der Ausbilder und hat einen Plan B, sollte die Kamera ausfallen: einen kurzen Stoß mit Wasser senkrecht an die Decke. „Kommt das Wasser in Tropfen herunter, ist alles okay, wenn nicht, ist der Rauch heiß“, sagt er. Dann muss er mit ein paar Stößen Wasser in den Rauch hinein gekühlt werden.

„Eins!“ Der Truppmann am Strahlrohr zieht den Hebel und schießt Wasser auf die obere linke Ecke der Tür. „Zwei!“ Das Wasser kühlt die obere rechte Ecke der Tür. „Drei!“ kommandiert der Truppführer und reißt die Tür zum Brennraum auf. Der Truppmann schießt ein paar Stöße Wasser hinein und der Truppführer drückt die Tür wieder zu.

Die Brennkammer des Containers simuliert ein brennendes Zimmer. Die Tür ist heiß, aus den Ritzen strömt leicht gelblicher Rauch, was Gefahr für den Trupp bedeutet, weil sich dieser Rauch entzünden könnte.

Ausbilder Thomas Mengedoth (rechts) bespricht mit den Einsatzkräften das Vorgehen im Container. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen
Ausbilder Thomas Mengedoth (rechts) bespricht mit den Einsatzkräften das Vorgehen im Container. Foto: Leon Stock/Die Blaulichtfotografen

Der Truppführer prüft die Temperatur mit der Wärmebildkamera, die zeigt mehr als 200 Grad. Die Männer schnaufen unter ihren Masken. „Noch einmal!“, befiehlt der Truppführer und: „Eins!“, „Zwei!“, „Drei!“ Jetzt ist die Temperatur deutlich unter 200 Grad. Die Gefahr einer Rauchgasexplosion ist gebannt und der Raum könnte gelöscht werden.

„Wir zeigen euch jetzt die Grenzen eurer Schutzausrüstung“, kündigen die Ausbilder an und schicken je zwei Trupps in den Container. Einer der Einsatzkräfte soll Wasserstöße an die heiße Decke des Containers abgeben. Sofort entwickelt sich Wasserdampf. Jeder ist einmal am Strahlrohr. Die Luft wird immer feuchter und heißer, ein Gefühl wie beim Aufguss in der Sauna, trotz Schutzausrüstung. „Sagt, wenn es euch zu warm wird. Dann kriechen wir ‘raus“, hatte der Ausbilder gesagt. „Raus, raus!“, ruft einer und robbt aus dem Container.

Draußen kann es nicht schnell genug gehen, Helm, Maske, Atemschutzgerät, Handschuhe und Jacke loszuwerden. Alles ist heiß, innen wie außen. Die helfenden Kameraden müssen aufpassen, um sich nicht zu verbrennen. Die Ehrenamtlichen greifen sich etwas zu trinken und füllen die bis zu zwei Liter ausgeschwitzten Wassers wieder nach. Vor allem am Kopf haben sie die Hitze bis zur Schmerzgrenze gespürt. Wie möglicherweise bei einem echten Brand auch.

Realbrandcontainer

Ein Realbrandcontainer ist in seinen Grundzügen ein normaler 40-Fuß-Container aus Stahl. Mit Hilfe einer Brennkammer und verschiedener Tür- und Fensteröffnungen lassen sich in ihm Taktiken zur Brandbekämpfung und zum Selbstschutz für Feuerwehrleute unter den Bedingungen eines echten Feuers und seiner Rauchentwicklung üben. Das Feuer in der Brennkammer wird mit Kaminholz-ähnlichem Holz erzeugt. Das von Leopoldshöhe und Bad Salzuflen für diese Schulung engagierte Unternehmen Delta Safety & Protection aus Sulingen in Niedersachsen hat sich unter anderem auf Schulungen mit solchen Containern spezialisiert. Die Ausbilder sind aktive Feuerwehrleute aus Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren.

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