Von Paraguay nach Bechterdissen

1960 haben die Mennoniten ihre Kirche in Bechterdissen eingeweiht. Foto: Mennonitengemeinde Bechterdissen
1960 haben die Mennoniten ihre Kirche in Bechterdissen eingeweiht. Foto: Mennonitengemeinde Bechterdissen

Die Mennos werden 70

Bechterdissen (ted). Es ist ein weiter Weg, den die Mennoniten in Bechterdissen zurückgelegt haben. Zeitlich viele Jahrzehnte, räumlich viele tausend Kilometer.  Am Wochenende feiern sie das 70-jährige Bestehen ihrer Gemeinde.

Da, wo heute Bechterdissen dicht besiedelt ist, war Ende der 1940er Jahre plattes Land. Die damals noch selbstständige Gemeinde war eine vergleichsweise dünnbesiedelte Bauerschaft. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges strömten Flüchtlinge und Vertriebene nach Ostwestfalen-Lippe. Auf Initiative eines Bielefelder Industriellen, der selbst Mennonit war und aus Ostpreußen stammte, entwickelte die Gemeinde ein neues Wohngebiet. Es sprach sich unter den Mennoniten weltweit herum, dass es im freien Westdeutschland eine Möglichkeit gab, siedeln zu können.

Vor allem Mennoniten, die einst in Ost- und Westpreußen ihre Höfe bewirtschaftet hatten, fühlten sich angesprochen. Sie hatten sich in Ost- und Westpreußen niedergelassen, weil ihnen das preußische Königreich die Freiheit vom Wehrdienst versprach. Mennoniten lehnen jede Art von Waffengewalt und damit auch den Wehrdienst ab.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hob Preußen dieses Privileg teilweise auf und etliche mennonitische Familien wanderten in die Region Saporischschja aus. Das russische Kaiserreich versprach ihnen Land und die Freiheit vom Wehrdienst. Das änderte sich mit der Gründung der UdSSR 1922. Viele der deutsch sprechenden mennonitischen Familien wanderten nach Südamerika, vor allem nach Paraguay und Uruguay weiter. Dort kam die Kunde von der neuen Siedlung in Bechterdissen an.

Die Siedlung entstand auf Grundlage des Reichsheimstättengesetzes. Das sah seit 1920 vor, dass Menschen öffentlich gefördert Häuser bauen konnten. Die Häuser und Grundstücke waren vor dem Zugriff von Gläubigern geschützt und nicht frei vererbbar. So sollten Grund und Boden sozial gerecht verteilt und das Heim der Familie geschützt werden, auch wenn Schicksalsschläge die Familien finanziell belasteten. Das Gesetz galt bis 1993.

1956 bezogen die ersten Siedler ihre neuen Häuser, darunter auch Menschen, die aus Schlesien und Ostpreußen geflüchtet waren. Zuerst wurden die Häuser an der Straße „Im kleinen Werder“ und auf der linken Seite der „Danziger Straße“ fertig. Der „Milser Ring“ folgte. Am 6. Oktober 1956 gründete sich die Mennonitengemeinde Bechterdissen. Zugleich weihten die Bewohner ihre Siedlung rund um die Kirche ein.

Für die ersten Gottesdienste der neuen Gemeinde stellte die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Bechterdissen-Asemissen ihr Gemeindehaus zur Verfügung.  Im August 1959 begannen die Mennoniten mit dem Bau ihrer eigenen Kirche. Am 6. November 1960 weihten sie sie ein. Beim Kirchbau hatten die sogenannten Pax-Boys geholfen, mennonitische nordamerikanische Kriegsdienstverweigerer.

Die Leopoldshöher Mennonitengemeinde war die erste Gemeinde dieser christlichen Konfession in Leopoldshöhe und Bielefeld. Sie ist damit Ursprung etlicher weitere mennonitischer Gemeinden in Lippe und Bielefeld.

1970 setzte die erste Ausreisebewegung Russlanddeutscher ein. Viele von ihnen bekannten sich zur mennonitischen Konfession, brachten aber andere Traditionen mit. “Das gab intensive Gespräche”, erinnerte sich der damalige Gemeindeleiter Peter Huebert anlässlich des 60-jährigen Bestehen der Gemeinde. Es ging vor allem um Äußeres. Während die russlanddeutschen Mennoniten auf das Kopftuch für verheiratete Frauen und Röcke bestanden, lehnten die südamerikanischen Mennoniten das ab.

Die Gemeindeglieder lösten das Problem auf ihre Weise. “Wir haben damals in Bielefeld-Baumheide eine zweite Kirche gebaut”, berichtete Huebert. Die Gläubigen sollten sich entscheiden, ob sie zur Bechterdisser oder zur Bielefelder Gemeinde gehören wollten. “Aus der Bielefelder Gemeinde sind rund 15 weitere Gemeinden entstanden”, sagte Huebert.

Heute hat die Bechterdisser Gemeinde rund 740 Mitglieder. Sie gehört einem kleinen Bund ähnlicher Gemeinden an. „Wir zählen uns zu den evangelikalen Gemeinden”, sagte Huebert vor zehn Jahren. Vier Männer bilden den Vorstand. Uwe Neufeld und Andreas Bartusch sind Gemeindeleiter, Udo Fast ist der Gemeinschaftspastor und Yannick Kehler der Kinder- und Jugendreferent.

Die Stimmen der Frauen in der Gemeinde haben das gleiche Gewicht wie die der Männer. Die Gemeinde finanziert sich aus Spenden. Am Samstag, 10. Oktober 2026, feiert die Gemeinde um 16 Uhr  mit einem  Festgottesdienst und  einem Jubiläumsfest mit Essen, Begegnungen und einer Menge Aktionen rund um die Kirche ihr Jubiläum. Am Sonntag, 11. Oktober 2026, geht es ab 10 Uhr mit einem Erntedank- und Jubiläumsgottesdienst samt Mittagessen weiter.

Die Mennoniten

Der Ursprung liegt im 16. Jahrhundert in der Zeit der Reformation. Mit den Reformatoren Martin Luther auf deutschem Boden und Ulrich Zwingli in der Schweiz stimmten sie überein, dass die Kirche grundlegende Erneuerung brauchte. Durch eigenes Bibelstudium kamen sie zu der Einsicht, dass nur glaubende Menschen zu der Gemeinschaft von Jesus Christus gehören sollten. Sie lehnten die damals übliche Säuglingstaufe ab. Sie begannen die sogenannte Glaubenstaufe, die Taufe von mündigen Erwachsenen zu praktizieren. Damit sind die Mennoniten die älteste der heute bestehenden evangelischen Freikirchen. Jahr 2025 feierten sie das 500-jährige Bestehen der Konfession.

Die theologischen Grundsätze der Mennoniten und die Erwachsenentaufe stießen auf scharfe Ablehnung und führten bald zu massiver Verfolgung. Dennoch bildeten sich neue Gemeinden, besonders in der Schweiz, in Süddeutschland und dem niederländisch-norddeutschen Raum. Ihren Namen erhielten sie im niederländisch-norddeutschen Raum von ihrer wichtigsten Leitfigur, Menno Simons (1496-1561).

Die Mennoniten betonen die allgemeine Autorität der Bibel als Glaubens- und Lebensgrundlage der Christen. Sie erwarten von ihren Mitgliedern, dass sie Jesus Christus in ihrem täglichen Leben nachfolgen. Die Ortsgemeinde hat für die Täufer einen hohen Stellenwert.

Weltweit gibt es heute etwa 1,5 bis zwei Millionen Mennoniten. Zählt man ungetaufte Kinder und Jugendliche in den Familien hinzu, gehören etwa 2,5 bis drei Millionen Menschen dazu. Die meisten Mennoniten leben in Nordamerika und Afrika.

Links

Chortitza (Mennonitische Geschichte und Ahnenforschung )
“Für uns zählt auch die Feindesliebe” (chrismon)
Mennonitengemeinde Bechterdissen

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