
Serena Moretti war Gastschülerin an der Felix-Fechenbach-Gesamtschule
Leopoldshöhe (ED). Die 17-jährige Serena Moretti war im Herbst zu Gast in Leopoldshöhe und hat am Unterricht im Jahrgang 11 der Felix Fechenbach Gesamtschule teilgenommen.
Wir treffen sie im Café 104 zu einem Gespräch, bevor sie kurz vor Weihnachten wieder zurück nach Hause fahren soll, ein Wörterbuch unter dem Arm und ein fröhliches, aufgeschlossenes “Hallo” auf den Lippen. Das Wörterbuch wird schnell beiseitegelegt, weil, wie sich herausstellt, Serena sich sehr gut auf Deutsch verständigen kann.
Moretti stammt aus Meran in Südtirol. Der nördliche Teil Italiens ist tief geprägt von Konflikten zwischen der deutschsprachigen Bevölkerung und den italienischen Zuwanderern. Südtirol gehörte bis 1918 zu Österreich. Nach der Besetzung durch italienische Truppen und vor allem mit der Machtübernahme der Faschisten unter Benito Mussolini waren die Deutschen erheblichem Druck ausgesetzt. Die Faschisten verboten die deutsche Sprache und Traditionen.
Im Mai 1939 vereinbarten der deutsche Diktator Adolf Hitler und Mussolini ein Umsiedlungsprogramm für die deutschen Südtiroler, dem 86 Prozent der Deutschen folgten. In den 1950er Jahren versuchten Separatistengruppen mit Hilfe von Attentaten eine Loslösung Südtirols von Italien zu erreichen. Bis heute seien die Auswirkungen zu spüren, berichtet Moretti.
Für die junge Italienierin spielt das kaum eine Rolle. Ihre Mutter ist Süditalienerin, ihr Vater kommt aus Mittelitalien. Sie hat einen jüngeren Bruder, der allerdings wohl keinen Auslandsaufenthalt machen möchte, wie sie meint. Er sei eher zurückhaltend und bleibe lieber daheim. In Meran besucht die 17-Jährige die Deutsche Schule, die, ebenso wie die italienische Schule vergleichbar ist mit dem hiesigen Gymnasium. Daneben gibt es noch eine Berufsschule. Eine Schulform vergleichbar mit der der deutschen Gesamtschule gibt es in ihrer Heimat nicht, sagt sie.
Den dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland hat sie über ein Stipendium ihrer Schule erhalten. Sie konnte Deutschland auswählen, den genauen Zielort nicht.
Am 6. September dieses Jahres kam sie in Leopoldshöhe an. Ihre Gasteltern war die Familie Becker aus Leopoldshöhe. Der Kontakt sei über eine private Agentur, ein sogenanntes Sprachreiseunternehmen zustande gekommen. Die Beckers haben sich als Gasteltern registrieren lassen. „Serena ist nicht unsere erste Gastschülerin“, sagt Stefan Becker beim Telefonat mit den Leopoldshöher Nachrichten. „Wir hatten auch schon einmal eine Italienerin zu Gast. So ein Aufenthalt ist immer auch ein kleines Abenteuer.“
Serena sieht das ähnlich: „Die Mentalitäten sind sehr unterschiedlich, aber ich bin sehr gut aufgenommen worden. Die Gasteltern sind sehr nett und in der Schule kamen gleich am Anfang zwei Jungs auf mich zu mit den Worten ‘Hey, du bist die Neue?’ und zeigten mir alles und halfen immer, wenn es nötig war. Auch die Lehrerinnen und Lehrer waren alle sehr nett und hilfsbereit.“
Französisch und Spanisch sei ihr von Anfang an leicht gefallen, anders als Mathematik: „In Italien und Deutschland wird Mathematik in unterschiedlichen Systemen unterrichtet. Das war für mich schwer zu verstehen.“ Physik und Geografie sei auch nicht so einfach aufgrund der zum Teil komplizierten Texte gewesen. Viele Begriffe seien ihr fremd gewesen. Sie hätte vieles nachschlagen müssen.
In zwei Jahren möchte Serena in Meran ihre Maturità ablegen, eine Prüfung, die dem deutschen Abitur gleichkommt. Dafür benötigt sie ein Zertifikat in Deutsch. Im Anschluss an ihren Aufenthalt in Leopoldshöhe werde sie die Prüfung gut schaffen, ist sie sich sicher. Deutsch sprechen könne sie mittlerweile schon gut, die Grammatik sei allerdings recht schwierig. Im Vergleich, so stellt sie fest, seien Französisch und Italienisch zwei leichter zu lernende Sprachen. Sie habe aber bereits früh in der Schule Deutsch als Unterrichtsfach gehabt.
Die Agentur, die ihr den Aufenthalt in Deutschland vermittelt hat, hat hier vor Ort auch einen Betreuer als Ansprechpartner, wenn es Probleme gibt. Außerdem werden von der Agentur zusätzliche Sprachkurse angeboten und Ausflüge organisiert.
Klein und gemütlich
So hätten sie Hannover besucht, eine Stadt, die Eindruck auf sie gemacht hat: „Hannover ist eine schöne Stadt, Bielefeld gefällt mir nicht ganz so gut, die Bahnhofstraße ist gar nicht schön.“ Auch am Hermannsdenkmal und in Detmold seien sie gewesen und hätten verschiedene Weihnachtsmärkte besucht.
Leopoldshöhe gefällt ihr gut, weil es klein und gemütlich ist mit viel Grün drumherum. Etwas schade sei, dass es für Jugendliche so wenig Möglichkeiten gebe. Sie empfindet die Menschen hier als immer höflich und freundlich, anders als in ihrer Heimatstadt Meran, wo die Menschen sehr verschlossen sind, insbesondere gegenüber Fremden.
Auf die Frage, was sie nach dem Schulabschluss machen möchte, überlegt sie kurz: „Ich möchte studieren, vielleicht Psychologie, eventuell auch Sprachen.“
Den Aufenthalt hier in Leopoldshöhe fasst sie so zusammen: „Es war ein schönes Abenteuer, ich habe viele neue Freunde gefunden und werde auf jeden Fall wiederkommen, um meine Gastfamilie zu besuchen und die Schulkameraden zu sehen. Jetzt freue ich mich auf meine Familie und das Weihnachtsfest zu Hause.“ Am selben Abend gibt Serena ihre Abschlussparty. Ihr Motto ist: “Ich schaffe das, ich mache das, dann klappt das”.



