
Erhebliche Risiken für Kleinanleger
Bielefeld (ted). Der Diplom-Ökonom Michael A. Peschke warnt Kleinanleger vor dem Börsengang des Elon-Musk-Unternehmens SpaceX. Der Börsengang ist dem Analysten zufolge einer von drei Mega-Börsengängen in den USA. Peschke schreibt von frühen Investoren, die auf Kosten von Kleinanlegern Kasse machen wollen. Seit heute morgen, Freitag, 12. Juni 2026, sind die Aktien im Handel.
Der geplante Börsengang von SpaceX werde als historisches Ereignis inszeniert, als größter aller Zeiten von einem visionären Gründer und einer Menschheit auf dem Weg zum Mars, schreibt Peschke im Mittelstandsforum der Volksbank in Ostwestfalen. Wer jedoch die Finanzdaten, die Marktstruktur und die Unternehmensarchitektur analysiere, erkenne ein anderes Muster: „einen sorgfältig konstruierten Mechanismus, der Kleinanleger und passive Indexfonds als Austrittskanal für Insider nutzt“, schreibt Peschke. Was als Raumfahrt-Revolution vermarktet werde, sei im Kern ein Satelliten- und Kommunikationsunternehmen mit strukturellen Verlusten, politisch vermittelten Umsätzen und einer Aktionärsstruktur ohne reale Mitsprache.
SpaceX ist in der Öffentlichkeit durch sein spektakuläres Raumfahrtprogramm bekannt. Musk träumt öffentlich von menschlichen Siedlungen auf dem Mars. Peschke spricht von einem Raumfahrt-Narrativ: die Rakete Starship, Mondmission, Mars-Kolonie, „das Licht des Bewusstseins in die Sterne tragen.” Der SpaceX-Börsenwert solle laut Börsengang-Prospekt einen Gesamtmarkt von 28 Billionen US-Dollar widerspiegeln, sobald eine Marszivilisation existiere, schreibt Peschke. Zum Vergleich: Das Privatvermögen aller Millionäre und Milliardäre in Deutschland beträgt laut World Wealth Report des Beratungsunternehmens Capgemini 7,1 Billionen Dollar.
Die Realität des SpaceX-Geschäftsmodells sehe anders aus. Mehr als zwei Drittel des Umsatzes stammten aus einem Produkt: Starlink, einem Satelliten-Breitbandnetz. „SpaceX ist damit strukturell ein Telekommunikationsunternehmen“, stellt Peschke fest. Es sei ein Unternehmen mit hohem Kapitalbedarf, das einem wachsenden Wettbewerb und den typischen Sättigungsrisiken reifer Infrastrukturmärkte ausgesetzt sei. Die Raketenstarts seien relevant, aber kein Wachstumstreiber im kommerziellen Sinne. „Mondmission und Mars bleiben auf absehbare Zeit ein Märchen“, schreibt Peschke.
Wer SpaceX-Aktien kaufe, erwerbe im Wesentlichen Anteile an einem Satelliten-Internet-Provider. Die Bewertung dieses Unternehmens sei selbst für profitables Big-Tech historisch ohne Beispiel.
Space-X wird vor seinem Börsengang mit 1,7 bis zwei Billionen US-Dollar bewertet. Damit sei dessen Börsengang der größte in der Geschichte. Der sogenannte Bewertungsmultiplikator liege damit beim 94-fachen des Jahresumsatzes von 18,7 Milliarden US-Dollar in 2025. In der IT-Branche gilt üblicherweise ein Faktor von 15 als hoch. Dabei fährt SpaceX einem Nettoverlust von 4,9 Milliarden US-Dollar (2025) ein. Der gesamte, akkumulierte Verlust liege bei 41 Milliarden US-Dollar. „Space-X ist eine Cash-Verbrennungsmaschine“, stellt Peschke fest.
Pesche stellt zum Vergleich: Apple, Microsoft und Nvidia erwirtschafteten seit Jahrzehnten substanzielle Gewinne und freie Cashflows. SpaceX schreibe seit mindestens drei Jahren negativen Free Cashflow.
Für die Verluste sei vor allem das xAI-Segment von SpaceX verantwortlich. Musk hatte xAI erst im Februar 2026 in den Konzernabschluss integriert. Dort sind 6,35 Milliarden US-Dollar Betriebsverlust allein im Jahr 2025 aufgeführt. Die Starlink-Gewinne subventionierten damit einen defizitären KI-Arm, schreibt Peschke. Den hätten unabhängige Analysten gegen OpenAI und Anthropic als zurückgefallen eingeordnet.
Peschke sieht hinter dem Börsengang ein Muster, das Kleinanleger in finanzielle Gefahr bringen kann. Ein einem ersten Schritt habe die US-amerikanische Börse NASDAQ ihr Regelwerk geändert. Damit können besonders große Börsengänge schneller in den Index aufgenommen werden. Damit werde in einem zweiten Schritt der Zwangskauf durch passive Fonds begünstigt, führt Peschke aus. Sobald SpaceX im Nasdaq-100 gelistet sei, seien alle ETFs und Indexfonds, die diesen Index abbilden, verpflichtet, die Aktie zu kaufen, unabhängig von der Bewertung, der Geschäftsentwicklung oder den Fundamentaldaten. „Dieser Kaufdruck ist mechanisch, nicht rational“, schreibt Peschke.
In einem dritten Schritt seien 30 Prozent der auszugebenden Aktien für Kleinanleger reserviert. „Dreimal so viel wie bei vergleichbaren Börsengängen üblich“, schreibt der Analyst. Das Angebot werde mit dem Musk-Markennamen und seinen Weltraum-Narrativen an ein Publikum ausgegeben, das keine Möglichkeit habe, den Preis oder die Unternehmensführung zu beeinflussen.
Damit könnten die sogenannten frühen Investoren und Insider ihre Anteile zu einer Bewertung verkaufen, die durch den Indexkaufzwang und der Begeisterung von Kleinanlegern gestützt werde. Das Verlustrisiko liege bei denjenigen, die zuletzt eingestiegen sind, also bei ETF-Sparern und Kleinanlegern, schreibt Peschke. „Dieses Muster trägt in der Kapitalmarktpraxis einen Namen: strukturierte Exit-Liquidität.“
Peschke weist auf einen weiteren Umstand hin. SpaceX habe über zwei Jahrzehnte hinweg mehr als 38 Milliarden US-Dollar an staatlichen Verträgen, Krediten und Subventionen erhalten. Ein wesentlicher Teil des ausgewiesenen Umsatzwachstums sei damit nicht das Ergebnis von Marktdurchdringung, sondern politischer Zuteilung mit entsprechenden Risiken.
Besonders problematisch ist nach Ansicht Peschkes Starshield. Das ist die militärische Variante von Starlink. Sie sei für US-Geheimdienste, das US-Verteidigungsministerium und verbündete Streitkräfte entwickelt worden. Starshield gehe über Kommunikation hinaus. Dessen Satelliten böten Zielerfassung, optische und Funkerkennung sowie Frühwarnung bei Raketenstarts. Starshield werde nicht als eigenständiger Umsatz ausgewiesen. Ein erheblicher Teil der Verträge unterliege der Geheimhaltung und sei damit für Investoren nicht einsehbar.
Damit sei ein möglicherweise zweistelliger Prozentsatz des Umsatzes per Geheimhaltung nicht prüfbar. Zweitens sei dieser Umsatzblock vollständig von der politischen Konstellation in Washington abhängig und damit von Musk, dessen Regierungsbeziehungen sich jederzeit ändern können, schreibt Peschke.
Der Analyst sieht Interessenskonflikte. Elon Musk habe als „Special Government Employee” in der DOGE-Behörde Zugang zu nicht-öffentlichen Regierungsdaten sowie Einfluss auf Behördenentscheidungen gehabt, ohne die üblichen Interessenkonflikt-Erklärungen abgegeben zu haben. Konkret sei der DOGE-Einfluss auf die Federal Aviation Administration zeitlich mit der Verdrängung eines Vertrags mit Verizon zugunsten von Starlink zusammengefallen. Der Pentagon-Vertrag für das „Golden Dome”-Raketenabwehrprogramm sei als Abonnementmodell an SpaceX gegangen. Eine Untersuchung des US-Kongresses habe 9,5 Milliarden US-Dollar in Verteidigungsverträgen mit möglichen Interessenkonflikten festgestellt.
Für Anleger sei das ein Risiko erster Ordnung, warnt Peschke. Staatsumsätze, die durch die politische Position Musks entstanden seien, könnten mit dessen politischem Einfluss auch wieder verschwinden.
Als weiteres Risiko für Kleinaktionäre identifiziert Peschke die Leitungsstruktur des Unternehmens. Musk werde durch nicht-öffentliche B-Aktien dauerhaft mehr als 50 Prozent der Stimmrechte behalten, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Beteiligung. Außerdem sei der Unternehmenssitz von Delaware mit einem guten Minderheitsaktionärsschutz nach Texas verlegt worden, wo feindliche Übernahmen faktisch ausgeschlossen sind und Aktionärsanträge eine Mindestbeteiligung von einer Million US-Dollar oder drei Prozent des Unternehmens voraussetzen würden. „Wer SpaceX-Aktien kauft, hat keine operative Mitsprache, keinen Schutz vor Entscheidungen des Kontrollaktionärs und keine realistische Möglichkeit, Kurs oder Strategie des Unternehmens zu beeinflussen“, schreibt Peschke.
Überbewertete Börsengänge in der Spätphase eines Spekulationszyklus seien kein neues Phänomen, warnt Peschke. In der Dotcom-Blase von 1999–2001 dienten überzeichnete große Börsengänge frühen Investoren dazu, Gewinne zu machen, bevor die Aktenkurse einbrachen. Die Analogie zu heute sei auffällig.
Der Unterschied zu 2000 sei, dass die Mechanismen heute präziser seien sind. Passive Indexfonds als Pflichtkäufer habe es damals so nicht gegeben. Die Hebelwirkung auf Kleinanleger über ETF-Sparpläne sei heute um ein Vielfaches größer. „Das Muster ist dasselbe — die Skalierung ist neu“, schreibt der Ökonom.
Dass Problem beim SpaceX-Börsengang sei die Differenz zwischen dem, was verkauft werde — „Mondwirtschaft, Mars, 28 Billionen adressierbarer Markt“ — und dem, was tatsächlich erworben werde: Anteile an einem defizitären Satelliten-Telekommunikationsunternehmen, bewertet wie kein profitables Unternehmen der Geschichte, ohne reale Aktionärsrechte, mit politisch abhängigen Umsätzen und einem Kontrollaktionär ohne Interessenkonfliktbindung, schreibt Peschke.
Wer kaufe, kaufe nicht SpaceX. „Er kauft das Narrativ“, stellt Peschke fest. Narrative hätten in der Börsengeschichte keine gute langfristige Wertentwicklung. Profitieren würden die vielen Insider, die auf Kosten der ETF-Kleinanleger Kasse machen würden, „vielleicht noch vor dem Platzen der gewaltig durch Geldmengenausweitung aufgepumpten Aktienblase“, schreibt der Analyst.
Wer als Kleinanleger jedoch über genügend Spielgeld verfüge, könne von dem sicherlich eintretenden kurzfristigen Kursanstieg profitieren. „Man muss nur genau hinhören, wann die Musik auf der Party aufhört zu spielen“, schreibt Peschke.



