Das Beste kommt noch

Leos Kino empfiehlt Kindheitserinnerungen von Kenneth Branagh im Nordirland-Konflikt 1969

Von Ulrich Schumann

Warnung: Wer diesen Film gesehen hat, wird niemals wieder den Song „Everlasting Love“ hören können, ohne an Belfast denken zu müssen. Das ist es aber wert: „Belfast“ erzählt den ernsten Nordirland-Konflikt aus der Sicht eines immer fröhlichen Kindes und findet hierfür Bilder, die mitten ins Herz treffen. Man wird sprachlos sein nach diesem Film. „Belfast“ erscheint am 28.04. bei zahlreichen Streaming-Diensten und am 12.05. auf DVD und Blu-Ray.

Die Schlüssel-Szene, in der Buddys Vater auf die Bühne springt und „Everlasting Love“ singt, ist eine der letzten im Film. Sie ist Schlusspunkt und Anfang zugleich, geprägt von explosionsartiger Wucht und beispielloser Entfesselung. Plötzlich ergibt alles einen Sinn, vor allem für den kleinen Buddy, der als neunjähriger den Nordirland-Konflikt ganz direkt miterlebt.

Buddy (perfekt besetzt: Jude Hill) wächst mit seinem älteren Bruder Will als Protestant im Belfast der späten 1960er-Jahre auf. Während der Vater in England Geld verdient, versuchen Buddys Mutter und die Großeltern den Kindern ein normales Leben zu ermöglichen. Doch das ist durch die bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Stadt gar nicht so einfach. Der rotzfreche, unendlich kluge und sympathische Buddy lässt sich aber seine Fröhlichkeit nicht nehmen und findet im Kino und Theater einen Ausgleich zum harten Leben in der umkämpften Stadt.

Kenneth Branagh muss das alles so oder ähnlich erlebt haben, denn „Belfast“ trägt deutliche autobiografische Züge. Der Ausnahme-Künstler, der durch mitreißende Shakespeare-Verfilmungen bekannt wurde und auch im Blockbuster-Kino zu Hause ist, trägt hier zahlreiche Kindheitserinnerungen zusammen.

Branagh schafft hierfür magische, unvergessliche Szenen, gefüllt mit prallem Leben. Durch die kindliche Perspektive wird das ernste Thema Nordirland-Konflikt immer wieder komödiantisch gebrochen, den Schauspielern ist der Spaß an der Arbeit deutlich anzumerken (Judi Dench als Großmutter!). Und weil das immer noch nicht reicht, sorgt eine beispiellos gute Musik-Auswahl für zusätzliche Dynamik und Authentizität.

Die Ausnahme-Produktion „Belfast“ ist eine ausgelassene Film-Party vor einschneidendem Hintergrund, feinfühlig, kindlich, aber nie naiv, von Branagh während des Lockdowns sorgfältig und mit viel Herzblut durchgeplant. „Belfast“ ist Branaghs persönlichster und bester Film. Und wenn der kleine Buddy die Stadt am Ende verlassen wird, wissen wir: für diesen Jungen kommt das Beste noch.