
Heiße Eisen
Von Ulrich Schumann
Leos Kino stellt drei politische Filme zu den großen Themen unserer Zeit vor
Verunsicherung macht sich breit. Viele Kulturschaffende haben nach den Ereignissen rund um die Berlinale und die Leipziger Buchmesse den Eindruck, Kulturstaatsminister Weimer möchte den vermeintlich links dominierten deutschen Kulturbetrieb ein Stück nach rechts schrauben. Sein Mittel: Geldkürzung statt Diskurs! Gibt es zukünftig nur noch Fördergelder für Kunst, die mit Weimers Ansichten auf einer Linie liegt? Ist die Freiheit der Kunst gar in Gefahr?
Schon hört man von Filmschaffenden, die politische Themen bei der Kulturförderung gar nicht mehr einreichen wollen. Dabei ist gerade der internationale Film so politisch wie lange nicht. Man drückt sich nicht vor den großen Themen der Zeit, sondern dokumentiert und erzählt, kommentiert und karikiert.
Wir geben einen Überblick über drei Filme, die besonders „heiße Eisen“ anfassen und deren Meinungen man nicht zwangsläufig teilen muss, die aber in jedem Fall interessante Diskussionen anregen.
„Yes!“ (Israel 2025), als Stream zum Beispiel bei Amazon Prime Video
Y und seine Freundin Jasmine stellen ihre künstlerischen Dienste nach den Ereignissen des 7. Oktobers 2023 in den Dienst des Staates Israel. Sie bekommen den Auftrag, eine neue Nationalhymne zu komponieren. Doch Y kommen Zweifel.
Der israelische Regisseur Nadav Lapid stellt in dieser Satire die Frage, wie israelische Bürger mit dem Grauen, das sie umgibt, leben können.
Y fährt in einer Schlüsselszene an die Grenze zum Gaza-Streifen und sieht mit eigenen Augen, was dort passiert. Mit dem Blick auf Rauchwolken über Gaza ruft ihm seine Ex-Freundin Leah die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober in einem intensiven und kaum zu ertragenden Stakkato in Erinnerung. Y ist hin- und hergerissen: Wie soll man das alles aushalten?
„Yes“ ist ein satirisch-verzerrter Kommentar zur Situation in Nahost aus der Sicht der israelischen Bevölkerung, nicht aus der Sicht der israelischen Regierung.
„Ein Nobody gegen Putin“ (Dänemark 2025), als kostenloser Stream bei arte.tv
Dieser Dokumentarfilm ist schon lange kein Geheimtipp mehr, er gewann den Oscar für den besten Dokumentarfilm.
Pawel Talankin ist Schulassistent in der russischen Provinz. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs bekommt Pawel den Auftrag, patriotische Veranstaltungen in seiner Schule zu organisieren. Pawel muss Videos von den Veranstaltungen drehen und sie an das Bildungsministerium schicken. Doch die Videos gelangen auch ins Ausland und dokumentieren die Veränderungen im russischen Alltag. Pawel geht in den Widerstand und muss schließlich aus Russland fliehen.
David Borensteins Dokumentarfilm erzählt spannend und erschütternd, aber auch mit Witz, davon, wie eine ganze Generation indoktriniert wird. Spektakulär!
„Gelbe Briefe“ (Deutschland 2025), zum Beispiel am 24.04., 26.04. und 28.04. im Rhythmus-Filmtheater Schloß Holte-Stukenbrock, ab dem 09.07. als Stream
Womit wir wieder bei der Berlinale wären. Der Gewinner-Film „Gelbe Briefe“ ist ungewollt zum cineastischen Kommentar der Ereignisse rund um die Berlinale geworden und gilt als „Film der Stunde“.
Das Leben des Künstlerehepaars Derya und Aziz in Ankara verändert sich über Nacht, nachdem ein kritisches Theaterstück der beiden uraufgeführt wird. Der Staat macht sie zu Zielscheiben. Sie verlieren ihre Arbeit, ihren Job und auch die Familie droht, auseinanderzubrechen.
Der Clou des Films: gedreht wurde in Hamburg und Berlin, was der Zuschauende auch merkt. Wir sehen deutsche Straßenschilder, Autokennzeichen, Sehenswürdigkeiten, während der Film vorgibt, in der Türkei zu spielen. Ist „Gelbe Briefe“ ein Blick in die deutsche Zukunft? Hoffentlich nicht!



