
Wie China kapitalistisch wurde
Von Ulrich Schumann
Wong Kar-Weis epische Serie „Blossoms Shanghai“ ist eine meisterhafte Liebeserklärung an das Shanghai der 1990er / ein Tipp von Leos Kino
Die Serie des Jahres kommt aus China. Regisseur Wong Kar-Wai, der uns vor einem Vierteljahrhundert mit „In The Mood For Love“ verzauberte, hat zehn Jahre an „Blossoms Shanghai“ gearbeitet. Die Dreharbeiten dauerten drei Jahre und das Ergebnis ist atemberaubend. In 30 (!) Folgen reflektiert der Regisseur die Kapitalisierung Chinas in den 1990ern – eine beispiellose Saga!
Im Mittelpunkt dieser Serie steht Ah Bao (immer elegant: Hu Ge), der zur richtigen Zeit am richtigen Ort lebt. In Shanghai nutzt er in den frühen 1990ern die Chancen des gerade eingeführten Kapitalismus aus, gnadenlos und raffiniert. Unter Anleitung seines Onkels Ye wird aus dem armen Mann der wichtigste Geschäftsmann der Stadt. Bao ist ein großer Gatsby und weiß, wie man Menschen manipuliert und für sich gewinnt, vor allem die Frauen: mit seiner alten Flamme Ling Zi leitet Bao das Restaurant „Tokio Nights“, Ausgangspunkt und Rückzugsort Baos. Das quirlige „Fräulein Wang“ hilft Bao im Außenhandelsamt und die geheimnisvolle Li Li bietet mit ihrem Lokal „Gran Lisboa“ einen Ort für die ganz großen Deals.
Wer sich auf „Blossoms Shanghai“ einlässt, braucht einen langen Atem. Die Serie erstreckt sich auf insgesamt 1350 Minuten. Erhältlich ist sie zudem nur in der Originalsprache Shanghai-Chinesisch mit deutschen Untertiteln. Doch das Durchhalten lohnt!
Wong Kar-Weis Bilder entwickeln einen unglaublichen Sog, sind durchkomponiert bis ins letzte Detail und haben in Verbindung mit endlos eleganten Schnittfolgen eine verführerische Wirkung. Hu Ge erinnert als Ah Bao an Alain Delon in seinen besten Jahren und der Spannungsbogen gerät in den 30 Folgen nie aus dem Blick.
Am meisten Freude bereiten aber die zahlreichen dramaturgischen Tricks der Serie. Da werden Bao von streikenden Textilarbeitern Prügel angedroht, in der nächsten Szene sitzt man friedlich beieinander und feiert. Erst danach gibt es eine Rückblende, die den Widerspruch auflöst. „Blossoms Shanghai“ ist voll von solch herrlich unbeschwerten und scheinbar mühelosen Spielereien: Die 1990er sind die „Goldenen Zwanziger“ Shanghais.
„Blossoms Shanghai“ ist eine Erfahrung, die einen ganzen Sommer dauert. Man braucht nur 30 laue Sommerabende, einen bequemen Liegestuhl im Garten und eine zuverlässige Internet-Verbindung. Und schon geht’s los. Oder wie Onkel Ye es sagen würde: „Du kannst die Sonne von heute nicht für das Trocknen der Wäsche von morgen nutzen!“
Alle 30 Folgen stehen beim Streamingdienst MUBI zum Abruf bereit.




