
Ein Hai, ein Bein, ein guter Mann
Von Ulrich Schumann
„The Secret Agent“ und „Für immer hier“ arbeiten die brasilianische Militärdiktatur auf / ein Filmtipp von Leos Kino
Im September präsentiert Leos Kino seinen Zuschauern einen Blick in das brasilianische Kino. Während der Amtszeit von Bolsonaro lag es am Boden, jetzt erblüht es zu neuem Glanz. Gleich zwei international beachtete Filme beschäftigen sich dabei mit der 21 Jahre dauernden Militärdiktatur (1964 – 1985). „Für immer hier“ läuft am Montag, 21. September 2026, im Leos Kino, „The Secret Agent“ empfehlen wir Ihnen an dieser Stelle.
An Anfang kann man Kleber Mendoça Filhos Film „The Secret Agent“ mit einem Quentin-Tarantino-Film verwechseln. Marcelo (Wagner Moura) ist im Jahr 1977 nach Receife unterwegs. Aus dem Radio dröhnt Sambamusik. An einer Tankstelle liegt eine Leiche, notdürftig mit einem Pappkarton bedeckt.
Der Tankwart ist aufgeregt, doch irgendwie gehen die Figuren auch routiniert und gelassen mit der Situation um. Leichen und Gewalt scheinen im Brasilien der 1970er allgegenwärtig und fast „normal“. Da hat es eben wieder einen erwischt. Der Zuschauer hält das kaum aus, die Figuren müssen stark bleiben. Die Sambamusik läuft einfach weiter.
Erst nach etwa 45 Minuten ist klar: Marcelo ist im Untergrund und kämpft gegen die Militärdiktatur. Seine Frau fiel Killern des Regimes in die Hände, Marcelo will Rache. Mendoça Filho nimmt sich viel Zeit für seine Geschichte, führt immer wieder neue Figuren ein und bricht die Handlung mit Schnitten zu einer Rahmenhandlung in der Gegenwart: 1977 ist nicht vorbei.
„The Secret Agent“ ist mit 160 Minuten zwar ein langer Film, doch nie ist er langweilig. Nervös und fiebrig führt uns Mendoça Filho durch ein labyrinthisches, erratisches Recife, geprägt von Karneval, Gewalt und Paranoia. Dazu passen die surrealen, fast grotesken Ausbrüche, die immer wieder eingebaut werden: es gibt eine Katze mit zwei Köpfen und immer wieder taucht ein abgetrenntes Bein auf, das sich gegen Ende sogar selbstständig macht. Alles Symbolik, wenn man genau hinschaut.
Veredelt wird der Film von zahlreichen Filmzitaten von „Der weiße Hai“ bis zu „Das Omen“, die den Film noch flirrender, noch nervöser machen. Und dann ist da „Narcos“-Star Wagner Moura, der eine unvergessliche Performance als Marcelo liefert.
Formal elegant lässt der Film bewusst zahlreiche Leerstellen und wirkt vielleicht gerade deshalb so authentisch, wie Zeitzeugen berichten, nachdem sie „The Secret Agent“ gesehen haben. Der beeindruckende Film gewann mehrere Golden Globes, war für vier Oscars nominiert und erhielt mehrere Auszeichnungen bei den Filmfestspielen in Cannes 2025. Das brasilianische Kino ist zurück.
„The Secret Agent“ ist auf DVD erhältlich und steht zum Beispiel bei MUBI, Amazon Prime Video, Apple TV , Magenta TV und im Sky Store zum Abruf bereit.




